Psychologische Faktoren beim Kinderwunsch

Johanna Kohnen
18.06.2019

Wenn der Kinderwunsch die Seele belastet

Wenn der Wunsch nach einem Kind (und im ersten Schritt nach einer Schwangerschaft) Zyklus für Zyklus enttäuscht wird, bekommen Frauen und Paare oft den Rat, sich nicht zu sehr auf den Kinderwunsch zu versteifen. „Entspannt Euch, dann klappt es am ehesten“, ist ein typischer Ratschlag. Doch was ist wirklich dran am Zusammenhang zwischen Fruchtbarkeit und Psyche?

Viele Paare trifft ein unerfüllter Kinderwunsch recht unerwartet. Jahre lang hat man beispielsweise strikt auf die Verhütung geachtet, sich auf die Suche nach dem richtigen Partner konzentriert, an der Karriere gearbeitet oder schlicht den richtigen Zeitpunkt abgewartet. Wenn dann die erhoffte Schwangerschaft auch nach längerer Zeit nicht eintritt, geraten die Paare oftmals ins Straucheln. Mit jedem Zyklus und jeder neuen Enttäuschung wachsen der Kinderwunsch und die Sehnsucht nach einer Schwangerschaft. Die ungewollte Kinderlosigkeit wird dabei von den Paaren nicht selten als starke psychische Belastung wahrgenommen.

Oftmals verletzend und wenig hilfreich: Der Rat, sich einfach „zu entspannen“

Ein Teufelskreis, der sich jeden Monat wiederholt: Der Eisprung wird berechnet, alles genau geplant und trotzdem tritt die Periode ein. Viele Paare bekommen von ihrem Umfeld dann den Rat, sich nicht auf den Kinderwunsch zu versteifen bzw. sich „einfach zu entspannen“. Die Ratgebenden sind sich allerdings häufig nicht bewusst, dass diese Worte und gutgemeinten Ratschläge völlig kontraproduktive Gefühle auslösen können. Denn viele Paare haben bereits mehrere Monate (in manchen Fällen Jahre) hinter sich, in welchen sie nicht verhütet haben. Meist beginnt dies ohne Stress oder Gedanken, dass es Schwierigkeiten mit dem eigenen Lebensentwurf geben könnte. Doch ab einem gewissen Punkt kippt diese Leichtigkeit: Die Paare fangen an, sich Sorgen zu machen, sich selbst unter Druck zu setzen, und die eigene Biologie oder gar die Partnerschaft in Frage zu stellen.

Unerfuellter Kinderwunsch -Psychologische Faktoren

Haben Paare mit unerfülltem Kinderwunsch eine andere Psyche?

Häufig hört man von Erzählungen, dass, sobald Paare von ihrem Kinderwunsch Abstand nehmen oder bereits eine erste Schwangerschaft eingetreten und keine weitere aktiv geplant ist, es plötzlich klappt. Beeinflusst die Psyche der Paare den Kinderwunsch?

Die Frage, ob ein möglicher Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und Fruchtbarkeit beziehungsweise Unfruchtbarkeit existiert, ist seit einiger Zeit Gegenstand diverser wissenschaftlichen Forschungen.

Der Heidelberger Psychologe, Psychotherapeut und Psychoanalytiker Dr. Tewes Wischmann untersucht dieses Thema beispielsweise in seinen Arbeiten [1]. Darin beschreibt er die simple Auffassung, dass psychische Faktoren und Unfruchtbarkeit in einem direkten Zusammenhang stehen, allerdings als unzureichend [2]. Nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand sind Paare mit unerfülltem Kinderwunsch aus psychologischer Sicht zunächst einmal weitgehend unauffällig und psychologisch ähnlich zu Paaren ohne Fruchtbarkeitsstörung [3].

Die Bonner Professorin für gynäkologische Psychosomatik, Dr. Anke Rohde, betont weiterhin, dass Kinderwunschpatienten mit Empfängnisschwierigkeiten auch nicht per se neurotischer sind als andere, sondern nichts anderes als einen "Ausschnitt aus der Normalbevölkerung" darstellen - ohne Auffälligkeiten, was ihre Persönlichkeit, Partnerschaft oder ihre Einstellung zur Sexualität betrifft [4]

Unerfuellter Kinderwunsch - Psychologische Faktoren

Die Auswirkungen von Stress auf den Hormonhaushalt

Wie so häufig gilt es auch hier, Ursache und Wirkung auseinander zu halten. Wenn Kinderwunschpatienten unter Stress und Anspannung leiden (und vielleicht depressiver als ihre Mitmenschen sind), so ist dies im ersten Schritt nicht die Ursache, sondern oftmals die Folge des unerfüllten Kinderwunsches. Die psychische Belastung um den unerfüllten Kinderwunsch kann für Paare häufig zur Lebenskrise werden, so Tewes Wischmann über die Ergebnisse der Studie "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde" [5].

Nach Tewes Wischmann gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass starker psychischer Stress sowohl bei Frauen als auch bei Männern zu deutlichen Störungen des Hormonhaushalts führen können. Dieser Stress kann aus ganz verschiedenen Quellen kommen, beispielsweise aus dem privaten Umfeld, oder eben aus dem Druck heraus, dass es „nun endlich klappen muss mit dem Kinderwunsch“ und ggf. einer damit verbunden Partnerschaftskrise. Aber auch andere Quellen spielen eine Rolle: Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigt beispielsweise, dass Frauen, die über 32 Stunden die Woche arbeiten, deutlich länger bis zum Zeitpunkt der Empfängnis brauchen, als Frauen, die eine wöchentliche Arbeitszeit von 16 – 32 Stunden hatten [6]. Und auch bei Männern führen Stress im Beruf, Sozialleben und im persönlichen Umfeld zu geringerer Spermienanzahl, -konzentration, Motilität und sogar zu verschlechterter Morphologie [7].

Eine hohe Konzentration an Stresshormonen kann die Chancen einer Empfängnis um bis zu 30% vermindern

Auch Courtney Denning-Johnson Lynch von der Ohio State University in Columbus beweist in ihrer Studie, dass ein hoher Stressfaktor die Empfängnis erschwert oder sogar verhindern kann. Laut den Ergebnissen sorgt eine hohe Konzentration an Stresshormonen im Blut für eine bis zu 30% verminderte Chance einer Empfängnis [8]. Dies lässt sich evolutionsbiologisch darauf zurückführen, dass es in früheren Zeiten potentiell sinnvoll war, keine Kinder während belastenden und unruhigen Zeiten zu empfangen.

Auch wenn die Lebenssituationen (und damit verbundene Stressoren) höchst individuell sind: Je mehr Sie es schaffen, Stress zu reduzieren, desto mehr wird der Hormonhaushalt beim Kinderwunsch begünstigt, was wiederum den Eintritt einer Schwangerschaft wahrscheinlicher macht [9].

Weiter sollten Paare mit Kinderwunsch an erster Stelle ihre Erwartungshaltung und Leistungsdruck gegenüber sich selbst mäßigen. Tun Sie was Ihnen gut tut! Gehen Sie aus, konzentrieren Sie sich auf die positiven Dinge im Leben. Treiben Sie Sport zum Ausgleich und schlafen Sie miteinander so oft Sie wollen – nicht nur während der fruchtbaren Tage. Denn häufiger Geschlechtsverkehr fördert die Empfängnis wie eine Studie der Indiana University of Bloomington beweist. Frauen, die oft Sex haben, beeinflussen damit ihr Immunsystem, was den Spermien hilft die Immunabwehr der Frau zu überwinden und eine Eizelle zu befruchten [10].

Paar haelt zusammen

Quellen:
1. Stammer, H., Wischmann, T., Verres, R. (2004): Paarberatung und - therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Hogrefe, Göttingen.
2. Wischmann, T., Stammer, H. (2010): Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. Kohlhammer, Stuttgart.
3. Kentenich, H., Wischmann, T., Stöbel-Richter, Y. (2013): Fertilitätsstörungen — Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie. Leitlinie und Quellentext — 1.Revision. Psychosozial Verlag, Göttingen.
4. Rohde (2001). Zur psychischen Situation ungewollt kinderloser Paare. In W. Fthenatkis & M. Textor (Hrsg.), Online-Familienhandbuch. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik.
5. Wischmann T., (1998): Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde. Eine Studie zu psychosozialen Aspekten ungewollter Kinderlosigkeit. Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main.
6. Mutsaerts MA, Groen H, Huiting HG, Kuchenbecker WK, Sauer PJ, Land JA, Stolk RP, Hoek A. The influence of maternal and paternal factors on time to pregnancy–a dutch population-based birth-cohort study: the GECKO drenthe study. Hum Reprod. 2012;27:583–593. doi: 10.1093/humrep/der429.
7. Li Y, Lin H, Li Y, Cao J. Association between socio-psycho-behavioral factors and male semen quality: Systematic review and meta-analyses. Fertil Steril. 2011;95:116–123. doi: 10.1016/j.fertnstert.2010.06.031.
8. Lynch, C.D., Sundaram, R., Maisog, J.M., Sweenez, A.M., Buck Louis, G.M. (2014): Preconception stress increases the risk of infertility: Results from a couple-based prospective cohort study-the LIFE study. Human Reproduction, Vol.29, No.5 pp. 1067– 1075, 2014.
9. Institut für Demoskopie Allensbach (2007): Allensbacher Bericht 11/2007 Unfreiwillige Kinderlosigkeit Pook, M./Tuschen-Caffier B./Krause et al. (2000): Psychische Gesundheit und Partnerschaftsqualität idiopathischer infertiler Paare. In: Brähler, E./Felder, H./Strauß, B. (Hrsg.): Fruchtbarkeitsstörungen. Jahrbuch der Medizinischen Psychologie 17: 262-271.
10. Lorenz TK, Heiman JR, Demas GE. Interaction of menstrual cycle phase and sexual activity predicts mucosal and systemic humoral immunity in healthy women. Physiol Behav. 2015;152(Part A):92-98.