Pränataldiagnostik I:
Chancen und Grenzen der PND

       Jetzt Kliniken vergleichen       


Pränataldiagnostik, kurz PND – unter diesen Begriff fallen vorgeburtliche Untersuchungen eines Babys im Mutterleib. Viele werdende Eltern nehmen sie in Anspruch, weil sie sich eine verlässliche Aussage darüber wünschen, ob ihr noch ungeborenes Kind gesund ist.  Doch diese Untersuchungen wollen wohlüberlegt sein. Warum ein reflektierter Umgang mit den modernen medizinischen Möglichkeiten für werdende Eltern so wichtig ist, lesen Sie hier.

Pränataldiagnostik – Ethik versus Sehnsucht nach Sicherheit

Werdende Eltern wünschen sich eine unbelastete Schwangerschaft. Die meisten Schwangeren nehmen Pränataldiagnostik in Anspruch, um sich mit einem guten Gefühl auf Ihr Kind freuen zu können. Dabei ist die Mehrzahl aller Babys gesund. Wenn Sie trotzdem PND nutzen möchten, sollten Sie sich bereits vor dem ersten Ultraschall mit Ihrem Partner darüber verständigen, wie Sie zu Pränataldiagnostik stehen und ob Sie eine ähnliche ethische Haltung vertreten. Sprechen Sie mit Ihrem Partner beispielsweise anhand der folgenden Übersicht darüber, ob Sie PND mit allen Konsequenzen als eher nützlich erachten und welche Entscheidungen Sie im Ernstfall treffen würden.

Möglichkeiten der Pränataldiagnostik:

  • Einige Erkrankungen wie die Zwerchfellhernie oder eine verdickte Blase können schon im Mutterleib operiert oder behandelt werden [1]
  • Die Startbedingungen für das Leben des Kindes können bei bestimmten Erkrankungen oder Behinderungen leichter sein, wenn die Familie frühzeitig Beratungsangebote nutzt und sich auf die Besonderheiten einrichtet
  • Die Geburtsanmeldung kann bereits in einer spezialisierten Klinik erfolgen, um die bestmögliche Erstversorgung sicherzustellen, wenn beispielsweise ein Herzfehler vorliegt
  • Ein unauffälliger Befund beruhigt die werdenden Eltern und nimmt ihnen Sorge und Stress
PND Praenataldiagnostik

Grenzen der Pränataldiagnostik:

  • Nur ein kleiner Teil möglicher Erkrankungen kann überhaupt per PND erkannt und behandelt werden
  • Die Untersuchungen können einen Verdacht oder ein erhöhtes Risiko auf eine Fehlbildung oder Erkrankung aufdecken oder bestätigen –können aber in der Regel den Schweregrad oder den weiteren Verlauf nicht voraussagen
  • Unklare Untersuchungsergebnisse können die Eltern psychisch stark belasten und die Bindung zum Kind empfindlich stören
  • Im Falle einer schwerwiegenden Erkrankung wird den Eltern womöglich eine Entscheidung über die Fortsetzung oder den Abbruch der Schwangerschaft abverlangt, die sie nicht treffen möchten, dann aber treffen müssen

Pränataldiagnostik: Treffen Sie von Anfang an bewusste Entscheidungen

Die Pränataldiagnostik ist in der Gynäkologie zur Routine geworden. Dennoch: Werdende Eltern, die nicht mit der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches konfrontiert werden möchten, sollten genau abwägen, welche Untersuchungen sie vornehmen lassen möchten. Vermeintliche Auffälligkeiten können eine Maschinerie an weiterführenden Untersuchungen in Gang setzen, zu zermürbenden Wartezeiten auf Testergebnisse führen und die Beziehung zum Partner und zum Kind mitunter stark beeinträchtigen. Bei vielen Untersuchungen sind Fehlalarme möglich, die zu einer unnötigen Verunsicherung und Belastung werdender Eltern führen. Gleichzeitig wiegen sich Eltern in falscher Sicherheit, wenn eine Auffälligkeit nicht erkannt wurde.

Entscheidungen brauchen Zeit – sonst drohen Schuldgefühle

Sobald beispielsweise eine Trisomie 21-Diagnose im Raum steht, möchte die Mehrheit der werdenden Mütter die Schwangerschaft nicht fortsetzen. Dabei wollen die Konsequenzen in einem solchen Fall wohlüberlegt sein. „Zu schnell gefasste Entschlüsse können zu schwierigen, verzögerten oder pathologischen Trauerprozessen führen, oder die fehlgeleitete Trauer führt zu nicht endenden Schuldgefühlen und Ambivalenzen“, berichtet Sabine Hufendiek vom Evangelischen Zentralinstitut Berlin in einem Fachartikel. [5] Der Journalist Matthias Thieme, selbst Vater einer Tochter mit Down-Syndrom, weist in seiner Arbeit zudem darauf hin, was der rein medizinische Blick der Pränataldiagnostik nicht leistet: „Über das Leben mit einem solchen Kind, über das Potenzial an Glück und Erfüllung erfahren die Mütter und Väter nichts.“ [4]

Downsyndrome PND Kinderwunsch

Sie haben das Recht auf Nichtwissen

Sie können im Rahmen der Vorsorge oder PND selbst entscheiden, welche Informationen Sie erhalten möchten und wie detailliert die Auskünfte ausfallen sollen. So haben Sie das Recht, sich bewusst gegen Ultraschalluntersuchungen zu entscheiden. Sie können mit mit dem Arzt auch vereinbaren, bei den Basis-Ultraschalluntersuchungen beispielsweise lediglich über die altersgerechte Entwicklung informiert werden zu wollen, nicht aber über Fehlbildungen. [6] Dafür ist allerdings Ihre Unterschrift erforderlich, die den Arzt von seiner Informationspflicht entbindet.

Fazit: Die medizinische Sicht ist nicht unbedingt die entscheidende

Die Pränataldiagnostik kann bestimmte Erkrankungen und Auffälligkeiten frühzeitig aufdecken, aber  auch stark verunsichern. Vor allem aber handelt es sich um eine rein medizinische Sicht auf das werdende Leben. Aus der wissenschaftlichen Perspektive heraus sind die modernen Möglichkeiten der PND aufschluss- und chancenreich. Doch dann gibt es noch die emotionale, individuelle, menschliche Ebene, die eine Schwangerschaft zu einem hochkomplexen Ereignis im Leben werdender Eltern macht. Für eine fundierte Entscheidung, ob und wie Sie Pränataldiagnostik für sich sinnvoll nutzen, eignen sich vertiefende Gespräche mit Ihrem Arzt, Ihrer Hebamme oder bei einer Schwangerschaftsberatungsstelle. So stärken Sie auch Ihre eigene Intuition.

PND Kinderwunsch

Quellen:
1. https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/operation-im-mutterleib/
2. https://www.g-ba.de/downloads/83-691-324/2013-07-01_Merkblatt_Ultraschall_Heft.pdf
3. Janvier, Annie., Farlow, Barbara , Barrington, Keith (2016): Parental hopes, interventions, and survival of neonates with trisomy 13 and trisomy 18. In: American Journal of medical genetics, Jg. 172, H 3, S. 279-287
4. Thieme, M. (2016): Eltern als Selektierer. Debatte Pränataltests und ihre Folgen. In: taz, die tageszeitung, 28.11.2016, www.taz.de/!5357522/ (26.6.2019)
5. Hufendiek, Sabine (2019): Beratung zwischen Befunden und Befinden – Paare in der Beratung. In: Vortrags- und Workshop- Sammlung und Fachtagung ‚Verantwortung leben – ohne Zweifel geht es nicht‘, S. 70.
6. https://www.g-ba.de/downloads/83-691-324/2013-07-01_Merkblatt_Ultraschall_Heft.pdf, S. 8